Tracy
Chapman in der Liederhalle
Aus einem anderen Amerika
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Thomas Staiber, Stuttgarter Nachrichten, 27.02.2003
Die
Band bewegt sich wie in Zeitlupe, spielt punktgenau,
reduziert, geschmackvoll und sehr entspannt. Sie gibt
Tracy Chapman Tiefe und Geborgenheit - das ideale
musikalische Milieu, in dem ihre Stimme aufblühen
kann. Warm, dunkel, samten - ein Seelenöffner.
Wo einen Ängste
umtreiben, wo Hoffnungen ruhen, Sehnsüchte keimen
- da wird sie fündig. Man kann das zynisch als
"Gutmenschentum" abtun, würde damit
aber die humane Dimension, die diese Lieder ausmacht,
abschneiden wie Chaplin Kleidungsstücke, die
beim Packen über den Kofferrand hinaushingen.
Das fantastisch mitgehende Publikum im seit Wochen
ausverkauften Beethovensaal jedenfalls erkennt sich
in den Songs wieder, die sich um Liebe, Lust und Leid
drehen.
Doch im Privaten
bleibt diese liebes- und leidensfähige Frau nicht
stecken. Sie thematisiert die globale Zerstörung
der Natur, die Oberflächlichkeit der Warenwelt,
den drohenden Krieg: "The Rape Of The World".
Scheinbar den Zeitgeist gegen den Strich bürstend,
singt sie dem zuvor negativ Bestimmten die Utopie
einer gerechten, liebevollen und friedlichen Welt
entgegen.
"Heaven"s
Here On Earth": In solchen Momenten verlässt
sie ihre introvertierte Haltung, sie intoniert Bob
Marleys "Stand Up" und bringt "Talking
Bout A Revolution", ihr bekanntes Protestlied,
das sie 1988, als noch keine Silberfäden ihre
Dreadlocks durchzogen, vor 100 000 Menschen im Londoner
Wembley-Stadion und einem Millionen-TV-Publikum anlässlich
Nelson Mandelas 70. Geburtstag vortrug. Aber keineswegs
als die peinliche Politpredigerin mit Wandergitarre.
Nein, Chapmans Musik
verströmt Wärme, ist vom Blues geerdet,
von Soul getränkt, mit Finesse arrangiert. Getragen
wird sie von dieser ganz unverwechselbaren Stimme.
Während die Texte der 38-Jährigen aus Cleveland,
Ohio, zum Nachdenken anregen, zielt ihre melodisch-rhythmische
Musik mitten ins Wohlfühlzentrum, animiert zum
Tanzen. "Give Me One Reason", das sie 1997
bei einer Grammy-Verleihung (mit Bluesveteran Junior
Wells an der Mundharmonika) präsentierte, ist
das beste Beispiel.
Was könnte das
Geheimnis dieses riesigen Erfolges - 35 Millionen
CDs und nahezu immer ausverkaufte Tourneen - sein?
Glaubwürdig und aufrichtig verbindet Tracy Chapman
ihre unabhängige Haltung, die kritische Schärfe
ihrer geschliffenen Lyrik mit dem festen Glauben an
das Humane, mit der sinnlichen Lebensfreude der Liebe,
eingetaucht in die Schönheiten populärer
Musik. Tracy Chapman verkörpert ein Amerika -
das machen die zwei Konzertstunden ihrer "Let
It Rain"-Tour auch klar -, das sich diametral
von dem der Herren Rumsfeld und Bush unterscheidet.
Thomas Staiber
[Article
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by: Claudia/Joy [DE]]