|
Tracy
Chapman spricht über
Armut, Minderheiten und ihre Musik
ots
- Mit den sparsam arrangierten Folksongs und den sozialkritischen
Texten ihres Debütalbums hatte die lesbische Sängerin
Tracy Chapman im Sommer 1988 beim legendären Tribute-Konzert
für Nelson Mandela im Londoner Wembley-Stadion
ihren großen Durchbruch. Inzwischen kann sie auf
eine spannende und bewegte Karriere zurückblicken,
in der sie ihrem Erfolgsrezept treu geblieben ist, und
über deren Früchte ihr aktuelles Album "The
Collection" eine Übersicht bietet.
Mit
Songs wie "Fast Car" und "Talkin' Bout
A Revolution" standen sozialkritische Themen von
Anfang an im Mittelpunkt Ihrer Songtexte. Können
Sie trotz Ihres Erfolges noch unbefangen über sozialkritische
Themen schreiben? Haben Sie sich nicht zu weit von den
einfachen Verhältnissen der schwarzen Minderheit
in den USA entfernt?
Tracy
Chapman : Ich bin schwarz und werde immer schwarz sein.
Ich bin eine Frau und werde immer eine Frau bleiben.
Ich bin arm geboren. Auf deinem Bankkonto mag sich einiges
bewegen, aber dein Klassenhintergrund wird sich niemals
ändern. Ich habe keinen Einfluss darauf, wie mich
andere Leute wahrnehmen. Aber es gibt gewisse Erfahrungen,
die dich niemals verlassen werden. Zum Teil liegt das
daran, dass sich einige Dinge niemals ändern. Es
gibt immer noch Leute, die mich unfair behandeln. Ich
begegne nach wie vor Vorurteilen und Rassismus. Für
einige Leute ist es völlig egal, wie viel Geld
ich verdient habe, das verändert nicht die Art
und Weise, in der sie mich sehen. In gewisser Weise
ist das auch gut so. Aber wenn sie mich nicht als Person
sehen, sondern nur meine Hautfarbe oder mein Geschlecht,
oder irgendetwas anderes oberflächliches... Damit
will ich nicht sagen, dass Hautfarbe oder Geschlecht
nur oberflächliches darstellen, aber sie machen
mit Sicherheit nicht die Gesamtheit einer Person aus.
Insbesondere dann nicht, wenn die Wahrnehmung dieser
Personen auf Stereotypen beruht. Ich kann nicht behaupten,
dass ich über den Zustand der armen schwarzen Bevölkerung
in diesem Land sprechen könnte. Und ich glaube
auch nicht, jemals behauptet zu haben, dies zu können.
Ich kann nur aus meiner eigenen Erfahrung sprechen.
Ich denke, dass sich die Demütigungen, die man
durch Armut erfährt, nicht verändern. Alles,
was ich jemals erfahren habe, wird auch immer noch die
Erfahrung von Leuten sein, die kämpfen müssen.
Und wenn ich andererseits nicht die Gelegenheit wahrnehme,
für Leute zu sprechen, die nicht die Möglichkeit
haben, für sich selbst zu sprechen, wer macht es
dann? Ich kann mich noch sehr gut an die Zeit erinnern,
als ich jünger war, noch nicht den Erfolg meines
ersten Albums erreicht und damit Geld verdient hatte.
Ich weiß, dass es Leute gibt, die Menschen wie
mir keine Aufmerksamkeit schenken. Ich weiß, Sie
sitzen hier und sprechen jetzt mit mir...
...weil
Sie Tracy Chapman, die Künstlerin sind...
Tracy Chapman : Genau. Ich will nicht ausschließen,
dass wir uns auch auf der Straße treffen und ein
vollkommen angenehmes Gespräch führen könnten.
Aber ich mache mir da nichts vor. Tracy Chapman, die
Tellerwäscherin, würde vermutlich hier jetzt
nicht sitzen.
Sie
sind schwarz. Sie sind eine Frau. Sie sind außergewöhnlich
erfolgreich und deshalb mit Sicherheit für viele
junge schwarze Frauen ein Vorbild. Empfinden Sie das
als Herausforderung oder als Last?
Tracy
Chapman : Das sehe ich anders. Ich habe natürlich
letztendlich keinen Einfluss darauf, wie die Leute mich
wahrnehmen und was ich ihnen bedeute. Aber mir gefällt
diese Wichtigtuerei nicht, die in der Luft liegt, wenn
man sich selbst als Vorbild für andere bezeichnet.
Mein Leben ist jedenfalls keine so große Sache,
dass ich so kühn wäre, mich als Vorbild für
jemanden auszuweisen.
Wenn
sich jemand durch Ihre Arbeit ermutigt sieht, es ebenfalls
mit der Musik zu versuchen?
Tracy
Chapman : Ja sicher, damit habe ich kein Problem.
Wenn
man Ihren politisch engagierten Background in Betracht
zieht, fällt auf, dass Sie bei Ihren Konzerten
und der Produktion Ihrer Alben nur wenige Frauen beschäftigen.
Tracy
Chapman : Die Musikindustrie wird im allgemeinen immer
noch von Männern dominiert. Die meisten Musiker,
sowohl im Studio als auch für Liveauftritte, sind
Männer. Es gibt oder zumindest gab vorübergehend
eine Zeit, insbesondere im Zuge der Lilith Fair Tourneen,
in der Frauen mehr Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Aber
das bedeutet noch lange nicht, dass deshalb in der gesamten
Aufnahmeindustrie mehr Frauen tätig sind. Du findest
kaum weibliche Produzenten, Tontechnikerinnen oder Tourmanagerinnen.
Und das liegt zu einem großen Teil daran, dass
es immer noch viel Sexismus im Musikgeschäft gibt.
Dennoch versuche ich, bei der Besetzung meiner Livebands
mehr Frauen und auch Farbigen eine Chance zu geben.
Aber am Ende wird sich meine Entscheidung immer danach
richten, wer richtig für den Job ist.
Wie
sieht das bei Ihren Konzerten in den USA vor der Bühne
aus? Befinden sich da mehr Frauen als Männer im
Publikum? Und ist Ihr Publikum dort überwiegend
schwarz oder weiß?
Tracy Chapman : Ich denke nicht soviel über die
demographischen Zahlen bei meinem Publikum nach. Nach
den Menschen zu urteilen, die mich auf der Straße
ansprechen, scheint es sich jedoch um eine ziemlich
abwechslungsreiche Gruppe zu handeln, sowohl was das
Geschlecht, als auch was die Hautfarbe angeht. Unter
dem Strich wird es sich vermutlich um ein überwiegend
weißes Publikum handeln. Man darf nicht vergessen,
dass die schwarzen Menschen in den USA nur etwa 10 -
12 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen. Selbst
erfolgreiche Rapkünstler verkaufen den größten
Teil ihrer CDs an ein weißes Publikum.
Fühlen
Sie sich merkwürdig, wenn Sie beispielsweise in
Europa vor einem überwiegend weißen Publikum
auftreten?
Tracy
Chapman : Nein. So fühlt sich mein ganzes Leben
an. Der einzige Ort, den ich besucht habe, und in dem
ich nicht zur Minderheit gehörte, ist Afrika. Und
das war allerdings ein ganz erstaunliches Gefühl.
[
back to articles ]
|