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Sängerin
Tracy Chapman
(tsch)
Es wurde mucksmäuschenstill im altehrwürdigen
Wembley-Stadion beim "Concert For Mandela",
als die junge Songwriterin ganz allein mit ihrer Gitarre
auf der riesigen Bühne stand. Tracy Chapman, eine
unbekannte Songwriterin aus Cleveland, Ohio, vermochte
es, mit einer intensiven Performance, eindringlichen
Texten und einer verbindlichen Stimme zum Sprachrohr
jener zu werden, die sich nicht selbst artikulieren
können. Und natürlich hat sie jetzt, bald
zwei Jahrzehnte später, nicht nur etwas zu ihrem
neuen Album "Where You Live" zu sagen, sondern
auch zu "Live 8", dem letzten großen
weltumspannenden Konzert-Event.
teleschau:
Warum hast Du, als eine der wichtigsten Stimmen gegen
soziale Ungerechtigkeit nicht an diesem Mega-Event teilgenommen?
Tracy
Chapman: Ich bin gefragt worden, habe aber dankend abgelehnt.
Ich fand es unmöglich, dass so ein Event, das zu
einem großen Teil den afrikanischen Kontinent
betrifft, stattfindet, ohne dass afrikanische Künstler
daran teilnehmen. Deswegen habe ich mich dagegen entschieden.
Versteh' mich nicht falsch: Ich hoffe, dass "Live
8" einen sehr positiven Effekt haben wird. Ich
hoffe, dass viele Menschen sich für den Schuldenerlass
der so genannten Dritten Welt einsetzen und den Politikern
Druck machen.
teleschau:
Eine konsequente Haltung.
Chapman:
Ich verstehe Bob Geldofs Position, der versucht hat,
so viele Künstler wi emöglich zu bekommen,
um ein weltweites Interesse zu wecken. Er hatte jedoch
Bedenken, dass es kein großes Medieninteresse
geben würde, wenn afrikanische Künstler auftreten
würden, die in der Welt der Popmusik keiner kennt.
Dabei wäre es einfach gewesen, diese Künstler
zu integrieren, indem man sie mit westlichen Bands gemeinsam
auftreten hätte lassen. Ich bin mit dieser Umsetzung
jedenfalls nicht einverstanden. Deshalb wollte ich nicht
mitmachen. Ich habe sogar gehört, dass die auftretenden
Künstler von den Organisatoren gebeten wurden,
auf der Bühne keine kritischen Kommentare zu George
Bush oder Tony Blair abzugeben. Das ist eine Bevormundung,
da gerade diese beiden Politiker wegen ihrer Haltung
zur Dritten Welt in der Kritik stehen.
teleschau:
Hat Musik heutzutage noch die Kraft und den Ehrgeiz,
die Welt zu verändern? Gerade im Bereich der Black
Music hat sie auf der Bedeutungsebene stark verloren.
Die war immer mit sozialen Inhalten gekoppelt. Heute
dagegen scheint es vor allem im HipHop nur noch um Statussymbole
zu gehen.
Chapman:
Ich kann wohl kaum etwas dagegen sagen, befürchte
ich. In der Pop-Musik gibt es gewaltigen Druck und eine
nicht minder große Einflussnahme der Plattenfirmen
auf die Künstler, die heutzutage so ziemlich alles
tun, um Erfolg zu haben. Ich bin jetzt seit einigen
Jahren im Musikbusiness. Es gab eine Zeit, in der haben
Leute bei Plattenfirmen gearbeitet, weil sie Musik lieben.
Sie hatten Visionen und wollten der Öffentlichkeit
künstlerische und kulturelle Werte anbieten. Dass
das heute immer seltener der Fall ist, liegt unter anderem
daran, dass viele kleine, unabhängige Labels von
großen, international aufgestellten, Plattenfirmen
geschluckt werden. Das ist meinem Label auch passiert,
und heute bin ich eine Künstlerin eines Branchenriesen.
Viele Plattenfirmen betrachten Musik heute nur noch
als "Content" (zu deutsch: Inhalt), anstatt
als Kunst. Einige Musiker und Bands erliegen dem Druck
und verkaufen sich selbst, gerade junge Künstler
haben es schwer, gegen den Strom zu schwimmen. Und damit
sind wir beim HipHop: Ich kann es ihnen nicht verdenken,
dass junge HipHopper den Leuten da draußen zeigen
wollen, dass sie es geschafft haben, mit ihren dicken
Autos und ihren glitzernden Klunkern.
teleschau:
Kommen wir zu Deinem Album. Da gibt's sehr ruhige Akustikgitarren-Songs
wie "Love's Proof", aber auch sehr rockige
Nummern wie "America". Sind die Kontraste
in Deiner Musik schärfer geworden?
Chapman:
Vielleicht. Es gab keinen generelle Herangehensweise
an die Platte oder die Produktion. Ich habe jeden Song
individuell behandelt, was die Auswahl der Musiker,
die Instrumentierung, die Aufnahme oder Produktion betraf.
Das mag zu diesen Kontrasten geführt haben.
teleschau:
Du giltst als sehr ernsthaft, in den USA nennen sie
Dich schon mal einen "downer", dabei bist
Du auch sehr humorvoll. Ist das eines der großen
Missverständnisse um Tracy Chapman?
Chapman:
Nein, das ist ein tolles Kompliment! (lacht) Okay, ich
habe schon oft gehört, dass die Leute denken, ich
hätte keinen Humor und würde zum Lachen in
den Keller gehen. Dagegen kann ich nichts machen. Aber
ich kann es verstehen. Ich schreibe nun mal ernsthafte
Songs.
teleschau:
Glaubst Du, Dein Bild in den Medien entspricht der Realität?
Chapman:
Ich weiß es nicht, das ist schwer zu beurteilen.
Ich lese mir grundsätzlich nicht durch, was über
mich geschrieben wird. Ich will's gar nicht wissen.
Die Menschen können sowieso nur ein unvollständiges
Bild von mir haben, weil sie eben nur eine halbe Stunde
Musik hören.
teleschau:
Du versuchst grundsätzlich, Dein Privatleben aus
den Medien zu halten. Trotzdem: Was macht Tracy Chapman,
wenn sie nicht auf der Bühne steht?
Chapman:
Eine Menge Dinge, die wiederum mit meiner Musik zu tun
haben. Entweder versuche ich kreativ zu sein und Songs
oder Texte zu schreiben, ich nehme eine Idee auf, oder
ich übe einfach. Es findet auch eine Menge Arbeit
hinter den Kulissen statt - viel administrativer Kram,
Papierkrieg, Telefonanrufe, Mails, Korrespondenz. Das
sind nicht gerade meine Lieblingsbeschäftigungen.
teleschau:
Und wie sieht ein perfekter "Day Off" aus?
Chapman:
Ich lese oder treffe Freunde. Ich gehe gern ins Kino.
Und ich habe angefangen, Sport zu machen. Ich habe an
einer Benefiz-Fahrrad-Tour teilgenommen, für Leute,
die an HIV erkrankt sind. Das war ein 600-Meilen-Rennen
von San Franscisco nach Los Angeles. Ich trainierte
mit Freunden, fünf Tage die Woche, drei Monate
lang, um diese Distanz zu schaffen.
teleschau:
Typisch Tracy Chapman: Sie macht nicht nur Sport für
sich, sondern auch gleichzeitig für einen guten
Zweck ...
Chapman:
Genau! Aber die Aktion war ein voller Erfolg. Wir haben
eine Menge Geld gesammelt.
teleschau:
Da wird gerade beim Thema Geld sind: Fühlst Du
Dich schuldig, wenn Du Dir von Deinem Geld hedonistische
Luxusgüter kaufst?
Chapman:
Nein, überhaupt nicht! (lacht) Ich komme aus armen
Verhältnissen, bin sehr bescheiden aufgewachsen
und weiß, wie es war, nicht mal die einfachsten
Dinge wie Schulbücher oder Klamotten zu besitzen.
Ich gestehe: Heute verwöhne ich mich und kaufe
mir ab und zu ein paar nette Sachen. Und ich fühle
mich nicht schuldig dabei.
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