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Interview
zum honorarfreien (auch auszugsweisen) Abdruck zu publizistischen
Zwecken innerhalb Deutschlands.
Mit
den sparsam arrangierten Folksongs und den sozialkritischen
Texten ihres Debütalbums hatte Tracy Chapman im
Sommer 1988 beim legendären Tribute-Konzert für
Nelson Mandela im Londoner Wembley-Stadion ihren großen
Durchbruch. Inzwischen kann sie auf eine spannende und
bewegte Karriere zurückblicken, in der sie ihrem
Erfolgsrezept treu geblieben ist, und über deren
Früchte ihr aktuelles Album "The Collection"
eine Übersicht bietet.
Frage:
Gab es irgendein Schlüsselerlebnis, das Sie zur
Musik gebracht hat?
Tracy
Chapman: Ich schreibe Songs, seit ich 8 Jahre alt bin.
Und es ist schwer, jetzt soweit zurückzugehen,
sich zu erinnern. Ich glaube, ein Grund, warum ich anfangen
wollte, Gitarre zu spielen, war die TV-Show "Hee
Haw", die meine Familie damals öfter ansah.
Ich weiß nicht, ob diese Show auch in Deutschland
gezeigt wurde. Das war eine Country-Show mit Buck Owens.
Ein wenig Musical, Varieté, Comedy, und dann
spielten sie noch Country-Songs auf diesen umwerfend
aussehenden Akustikgitarren. Ich habe meine Mutter so
lange nach einer dieser schönen Gitarren gefragt,
bis sie mir eine gekauft hat. Die Anfänge habe
ich mir selbst beigebracht und später während
der High School habe ich dann auch Unterricht genommen.
Frage:
Sie sind in Cleveland, Ohio, geboren und aufgewachsen.
In Cleveland steht die Rock'n'Roll Hall Of Fame, außerdem
bezeichnet sich die Stadt gerne als Rock-Hauptstadt
der Welt. Wie lange haben Sie dort gelebt und was waren
die ersten Konzerte, die Sie dort gesehen haben?
Tracy Chapman: Ich habe in Cleveland gelebt, bis ich
ungefähr 15 Jahre alt war. Dann bin ich mit einem
Stipendium zur High School nach Connecticut gegangen
und schließlich aufs College nach Boston. Eines
der ersten Konzerte, das ich in Cleveland gesehen habe,
war von Sarah Vaughan, der Jazz-Sängerin. Meine
Mutter hatte mich mitgenommen. Zu Ray Charles hatte
sie mich ebenfalls mitgenommen. Zu dieser Zeit habe
ich keine Rock'n'Roll-Konzerte gesehen, obwohl es in
Cleveland ein großes Angebot an Rock- und Folk-Konzerten
gab. Das erste Rock-Konzert, das ich gesehen habe, war
von King Crimson. Das war während meiner College
Zeit und das war vielleicht noch nicht mal ein richtiges
Rock-Konzert...
Frage:
Haben Sie musikalische oder sonstige Vorbilder?
Tracy
Chapman: Ich will nicht von Vorbildern reden, aber es
gibt natürlich Leute, die ich bewundert habe. Leute
aus meiner Gemeinde, Künstler...Ich habe sehr viele
Gedichte gelesen, als ich jünger war, T.S. Elliott
zum Beispiel. Ich mag die Arbeit von bestimmten Autoren,
Kurt Vonnegut beispielsweise. Wenn diese Leute mir etwas
über mich selbst beigebracht haben, dann ist das
meine Vorstellung davon, dass hier jemand ist, der ein
Leben lebt, das er leben will. Und sie machen ihre eigene
Kunst. Auf gewisse Weise dient das natürlich als
Beispiel.
Frage:
Können Sie ein paar Beispiele für Einflüsse
aus dem musikalischen Bereich nennen?
Tracy
Chapman: Es wurde häufig über mich gesagt
und geschrieben, dass ich aus einer akustischen Folk-Tradition
stamme, in einer Linie mit Bob Dylan, Joni Mitchell,
Neil Young oder Leute wie Woody Guthrie. Das ist jedenfalls
nicht die Musik, die ich in meiner Kindheit gehört
habe.
Aber
ich habe Curtis Mayfield gehört, Aretha Franklin,
Marvin Gaye, James Brown...Sachen wie "What's Going
On", "Say It Loud - I'm Black And I'm Proud",
"People Get Ready"...In all diesen Songs geht
es um die soziale Situation im Leben von Schwarzen.
Und ich habe das Gefühl, dass ich zum Teil auch
aus dieser Richtung komme. Wenn es irgendwelche Einflüsse
gibt, dann hat es höchstwahrscheinlich dort begonnen.
Frage:
Das Label "Elektra", auf dem Ihre Musik veröffentlicht
wird, hat eine 50jährige Tradition von Folk- und
Rockkünstlern. U.a. Singer/Songwriter wie Phil
Ochs oder Tim Buckley waren bei diesem Label unter Vertrag.
Fühlen Sie sich in diesem Umfeld wohl?
Tracy
Chapman: Ich habe keine besonderen Empfindungen in Bezug
auf das Label, und bin auch nicht so sehr mit deren
Künstlerstamm vertraut. Ich arbeite mit bestimmten
Leuten bei diesem Label und die haben mich alle sehr
unterstützt bei diesem Album. Sie haben mir die
Gelegenheit und die Freiheit gegeben, das Album so zu
machen wie ich wollte. Dafür bin ich dankbar.
Frage:
Mit Songs wie "Fast Car" und "Talkin'
Bout A Revolution" standen sozialkritische Themen
von Anfang an im Mittelpunkt Ihrer Songtexte. Können
Sie trotz Ihres Erfolges noch unbefangen über sozialkritische
Themen schreiben? Haben Sie sich nicht zu weit von den
einfachen Verhältnissen der schwarzen Minderheit
in den USA entfernt?
Tracy
Chapman: Ich bin schwarz und werde immer schwarz sein.
Ich bin eine Frau und werde immer eine Frau bleiben.
Ich bin arm geboren. Auf deinem Bankkonto mag sich einiges
bewegen, aber dein Klassenhintergrund wird sich niemals
ändern. Ich habe keinen Einfluß darauf, wie
mich andere Leute wahrnehmen. Aber es gibt gewisse Erfahrungen,
die dich niemals verlassen werden. Zum Teil liegt das
daran, dass sich einige Dinge niemals ändern. Es
gibt immer noch Leute, die mich unfair behandeln. Ich
begegne nach wie vor Vorurteilen und Rassismus. Für
einige Leute ist es völlig egal, wieviel Geld ich
verdient habe, das verändert nicht die Art und
Weise, in der sie mich sehen. In gewisser Weise ist
das auch gut so. Aber wenn sie mich nicht als Person
sehen, sondern nur meine Hautfarbe oder mein Geschlecht,
oder irgendetwas anderes oberflächliches...Damit
will ich nicht sagen, dass Hautfarbe oder Geschlecht
nur oberflächliches darstellen, aber sie machen
mit Sicherheit nicht die Gesamtheit einer Person aus.
Insbesondere dann nicht, wenn die Wahrnehmung dieser
Personen auf Stereotypen beruht (legt eine Pause ein)...Ich
kann nicht behaupten, dass ich über den Zustand
der armen schwarzen Bevölkerung in diesem Land
sprechen könnte. Und ich glaube auch nicht, jemals
behauptet zu haben, dies zu können. Ich kann nur
aus meiner eigenen Erfahrung sprechen. Ich denke, dass
sich die Demütigungen, die man durch Armut erfährt,
nicht verändern. Alles, was ich jemals erfahren
habe, wird auch immer noch die Erfahrung von Leuten
sein, die kämpfen müssen. Und wenn ich andererseits
nicht die Gelegenheit wahrnehme, für Leute zu sprechen,
die nicht die Möglichkeit haben, für sich
selbst zu sprechen, wer macht es dann? Ich kann mich
noch sehr gut an die Zeit erinnern, als ich jünger
war, noch nicht den Erfolg meines ersten Albums erreicht
und damit Geld verdient hatte... Ich weiß, dass
es Leute gibt, die Menschen wie mir keine Aufmerksamkeit
schenken. Ich weiß, Sie sitzen hier und sprechen
jetzt mit mir...
Frage:
...weil Sie Tracy Chapman, die Künstlerin sind...
Tracy
Chapman: Genau. Ich will nicht ausschließen, dass
wir uns auch auf der Straße treffen und ein vollkommen
angenehmes Gespräch führen könnten. Aber
ich mache mir da nichts vor...Tracy Chapman, die Tellerwäscherin,
würde vermutlich hier jetzt nicht sitzen. (lacht)
Frage:
Sie sind schwarz. Sie sind eine Frau. Sie sind außergewöhnlich
erfolgreich und deshalb mit Sicherheit für viele
junge schwarze Frauen ein Vorbild. Empfinden Sie das
als Herausforderung oder als Last?
Tracy
Chapman: Das sehe ich anders. Ich habe natürlich
letztendlich keinen Einfluß darauf, wie die Leute
mich wahrnehmen und was ich ihnen bedeute. Aber mir
gefällt diese Wichtigtuerei nicht, die in der Luft
liegt, wenn man sich selbst als Vorbild für andere
bezeichnet. Mein Leben ist jedenfalls keine so große
Sache, dass ich so kühn wäre, mich als Vorbild
für jemanden auszuweisen.
Frage:
Wenn sich jemand durch Ihre Arbeit ermutigt sieht, es
ebenfalls mit der Musik zu versuchen?
Tracy
Chapman: Ja sicher, damit habe ich kein Problem.
Frage:
Wenn man Ihren politisch engagierten Background in Betracht
zieht, fällt auf, dass Sie bei Ihren Konzerten
und der Produktion Ihrer Alben nur wenige Frauen beschäftigen...
Tracy
Chapman: Die Musikindustrie wird im allgemeinen immer
noch von Männern dominiert. Die meisten Musiker,
sowohl im Studio als auch für Liveauftritte, sind
Männer. Es gibt oder zumindest gab vorübergehend
eine Zeit, insbesondere im Zuge der Lilith Fair Tourneen,
in der Frauen mehr Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Aber
das bedeutet noch lange nicht, dass deshalb in der gesamten
Aufnahmeindustrie mehr Frauen tätig sind. Du findest
kaum weibliche Produzenten, Tontechnikerinnen oder Tourmanagerinnen.
Und das liegt zu einem großen Teil daran, dass
es immer noch viel Sexismus im Musikgeschäft gibt.
Dennoch versuche ich, bei der Besetzung meiner Livebands
mehr Frauen und auch Farbigen eine Chance zu geben.
Aber am Ende wird sich meine Entscheidung immer danach
richten, wer richtig für den Job ist.
Frage:
Wie sieht das bei Ihren Konzerten in den USA vor der
Bühne aus? Befinden sich da mehr Frauen als Männer
im Publikum? Und ist Ihr Publikum dort überwiegend
schwarz oder weiß?
Tracy
Chapman: Ich denke nicht soviel über die demographischen
Zahlen bei meinem Publikum nach. Nach den Menschen zu
urteilen, die mich auf der Straße ansprechen,
scheint es sich jedoch um eine ziemlich abwechslungsreiche
Gruppe zu handeln, sowohl was das Geschlecht, als auch
was die Hautfarbe angeht. Unter dem Strich wird es sich
vermutlich um ein überwiegend weißes Publikum
handeln. Man darf nicht vergessen, dass die schwarzen
Menschen in den USA nur etwa 10 - 12% der Gesamtbevölkerung
ausmachen. Selbst erfolgreiche Rapkünstler verkaufen
den größten Teil ihrer CDs an ein weißes
Publikum.
Frage:
Fühlen Sie sich merkwürdig, wenn Sie beispielweise
in Europa vor einem überwiegend weißen Publikum
auftreten?
Tracy
Chapman: Nein. So fühlt sich mein ganzes Leben
an. Der einzige Ort, den ich besucht habe, und in dem
ich nicht zur Minderheit gehörte, ist Afrika. Und
das war allerdings ein ganz erstaunliches Gefühl.
Frage:
Sie sind 1988 bei dem Konzert zu Ehren von Nelson Mandela
in London aufgetreten. Sie sind Nelson Mandela später
auch selbst begegnet. Ich gehe davon aus, dass Sie auch
weiterhin die politischen Ereignisse in Südafrika
verfolgt haben. Was denken sie über den derzeitigen
Präsidenten Südafrikas Thabo Mbeki im Vergleich
zu Nelson Mandela?
Tracy
Chapman: Dazu will ich mich lieber nicht äußern.
Ich versuche mich zwar über die Weltpolitik auf
dem Laufenden zu halten, habe im Moment jedoch nicht
das Gefühl, informiert genug zu sein, um das besonders
intelligent kommentieren zu können. Ich sage dazu
nur eins: Nelson Mandela hat eine überlebensgroße
Persönlichkeit und jeder, der darauf folgt, kann
in gewisser Weise niemals an ihn heranreichen.
Frage:
Noch ein paar Fragen zu Ihrer Arbeitsweise im Studio:
Sie haben sehr häufig mit dem Produzenten David
Kershenbaum zusammengearbeitet. Was schätzen Sie
an seiner Arbeitsweise?
Tracy
Chapman: Als ich das erste Mal im Studio war, um meine
erste Platte aufzunehmen, hatte ich noch keine Ahnung,
wie man ein Studio benutzt. Aber ich hatte schon eine
sehr klare Vorstellung davon, wie das Album klingen
sollte. David hat wirklich auf das gehört, was
ich damals wollte und auch eigene Ideen eingebracht.
So war bereits mein erstes Album das Album, das ich
machen wollte. Ich denke, dass viele Alben, deren Produktion
allein von Produzenten geleitet wurde, im Wesentlichen
auch deren Kreation sind. Der Künstler steht zwar
im Mittelpunkt, aber alles, was ihn umgibt, ist das,
was sich der Produzent ausgedacht hat. Bei solchen Platten
bemerkt man auch, dass ihnen der Produzent einen bestimmten
Stempel aufgedrückt hat. Und so ein Produzent ist
David nicht.
Ein
weiterer Grund für eine Zusammenarbeit war für
mich, dass er jemand ist, der sich auch bezüglich
der technischen Seite der Musikproduktion auf dem Laufenden
hält. Und das ist ein Bereich, der mich auch besonders
interessiert. Ich lese all diese Magazine über
Musikproduktionen und will auch mein eigenes Studio
aufbauen. Gemeinsam konnten wir ein Album machen, das
nicht nur das Konzept repräsentiert, das ich von
Anfang an hatte, sondern auch ein Album mit der höchstmöglichen
Klangqualität. Er hat sehr gute Ohren, und man
sagt, dass das auch für mich gilt. Wir sind beide
Perfektionisten, was natürlich auch lästig
sein kann, aber zum größten Teil hat das
meiner Meinung nach der Musik geholfen.
Frage:
Sie scheinen der Klangqualität einen sehr hohen
Stellenwert einzuräumen. Stehen Song und Text für
Sie nicht im Vordergrund?
Tracy
Chapman: Das gehört einfach alles zusammen. Natürlich
musst du mit dem Song beginnen. Dann braucht man selbstverständlich
eine gute Einspielung. Typischerweise werden moderne
Platten heute so gemacht, dass du zwar zunächst
den Song und den Interpreten hast, dann geht aber erst
mal die Band ohne den Sänger ins Studio. Die bearbeiten
mit dem Produzenten den Song, entscheiden über
die Arrangements und erst am Ende kommt der Sänger.
Die Stimme wird über den Song gelegt und das Album
ist fertig. So habe ich nie Platten gemacht. Ich hatte
immer eine Meinung darüber, wie meine eigenen Songs
klingen sollten, und im Verlauf der Jahre habe ich auch
mehr Einfluss auf den technischen Teil genommen. Das
ist keineswegs nebensächlich. Wenn das Album erscheint,
sollte all das natürlich transparent sein, du solltest
es als Hörer nicht wahrnehmen können. Aber
es ist dennoch sehr wichtig. Wenn ich zum Beispiel im
Studio bin und durch ein schlechtes Mikrofon singe,
dann repräsentiert das nicht mehr den vollen Klang
meiner Stimme. Und dann gibt es eben das eine oder andere
Mittel, manches digital, manches nicht, um das wieder
auszubessern. Jedes Teil dieser Einrichtung verleiht
dem finalen Klangbild etwas charakteristisches. Man
entwickelt für diesen Bereich eine Art mikrokosmische
Betrachtungsweise. Für manche Leute mag das eine
ermüdende Angelegenheit sein, aber man würde
es spüren, wenn bei dem Album am Ende etwas nicht
stimmt. Mein Ziel ist es, durch die Arrangements eine
perfekte Atmosphäre für meine Songs und meine
Stimme zu schaffen und den Details bei der Produktion
eben so viel Aufmerksamkeit zu schenken, wie dem Schreiben
der Songs.
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